„Melusine. Eine Spurensuche in Europa und der Großregion“

Andreas Schorr über das Thema „Melusine. Eine Spurensuche in Europa und der Großregion“. Herr Schorr, Mediävist und Sprachwissenschaftler am Lehrstuhl von Prof. Haubrichs, ist ein exzellenter Kenner dieser Sagengestalt. Für die Website unserer literarischen Gesellschaft hat er eine knappe Zusammenfassung des Stoffs erarbeitet:
Melusine - eine ganz besondere Frau, halb Fabelwesen, die nicht ganz in die menschliche Gesellschaft zu integrieren ist. Zwar ist sie mit einem Menschen verheiratet, doch sie hütet ein Geheimnis:
Jeden Samstag verwandelt sie sich im Bad in eine Nixe. Als ihr Gatte Raimund sein Gelübde bricht, sie beim Bad niemals zu stören, muss sie in ihre Feenwelt zurückkehren. Der Reichtum, den sie ihrer Familie brachte, ist dahin, doch ihre zahlreichen, allerdings mit äußerlichen Makeln behafteten Kinder bleiben in der Menschenwelt, bestehen große Abenteuer und gründen Reiche.
So wird Melusine über ihren Sohn Anthoni (Dieser Sohn war auch rauch von Haar unnd hette gar lange und scharpffe Negel an seinen Fingern) zur Ahnherrin des Luxemburger Grafengeschlechts. In lateinischer Überlieferung, bei Gervasius von Tilbury, Giraldus von Cambrai und anderen, finden wir im 12. Jahrhundert die ersten Spuren der Melusine, aber noch ohne die Nennung des Namens.
Der literarische Erfolg beginnt um 1400 mit den französischen Bearbeitungen des Stoffes durch Jean d’Arras und Couldrette, die auch ins Englische, Flämische und Spanische übersetzt werden. Für die deutschsprachigen Länder ist zuerst die vor 550 Jahren veröffentlichte Bearbeitung durch den Berner Schultheißen Thüring von Ringoltingen (* um 1415, † 1483) fassbar.
Seine eigenständige Bearbeitung der französischen Vorlage von Couldrette stieß bei den Zeitgenossen Thürings auf sehr großes Interesse und wurde als Druck verbreitet. Die erzählerische Gestaltung eines komplexen genealogischen Tableaus mit Wurzeln in der Anderwelt faszinierte die Zeitgenossen und die Nachwelt Thürings. Es gibt im deutschsprachigen Raum zahlreiche Bearbeitungen, zuerst durch mehrere Meistersänger, dann durch bedeutende Autoren wie Goethe, Grillparzer, Tieck, Brentano, Fontane, Trakl, Hofmannsthal, Nelly Sachs und Irmtraud Morgner, weiter durch Werke der bildenden Künstler (Moritz von Schwind) und durch Musikkompositionen (Opern von Conradin Kreutzer und Aribert Reimann).
Die Melusinensage hat - schon durch die französischen Fassungen vorgezeichnet - auch in unserer Großregion ihre Spuren hinterlassen. Dabei hat die Sage manche Veränderung erfahren. In Luxemburg ist es Graf Siegfried, der sich mit Melusine verheiratet. In Lützelburg (Lutzelbourg) in Lothringen - das in alten französischen Urkunden ebenfalls Lucemburc geschrieben wurde - ist Melusina das Kind des Grafen und der Gräfin, auf dem ein Fluch lastet, weil die Mutter einen armen Waldbruder verspottete.
In St. Avold haftet die Sage an dem markanten Felsberg über dem Rosseltal, auf dem die Fee Melusina ein Schloss erbaute – und wieder zerstörte. Noch manch andere Sage der Region kennt das Melusinenmotiv, auch wenn die Fee ohne Namen bleibt. Dazu ist die moderne Literatur zu dem Motiv in der Region vertreten:
Der in Saint-Dié in den Vogesen geborene Yvan Goll schrieb die Vorlage für Aribert Reimanns Oper ‘Melusine’. Aber vielleicht beginnt ja mit der Gründung unserer Literarischen Gesellschaft am 14. Januar 2006 eine ganz neue Ära der Melusine-Adaption. Ganz ausgeschlossen ist es nicht, wo wir doch in unseren Reihen so viele Schriftsteller haben. 
Last update: 09:38 01/03 2007
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