Schule
Deutsch
Lohnende Versuche



„Saarländische Autoren – Saarländische Themen“

 

(Ein paar Vorschläge zu regionalen Themen im Deutschunterricht am Gymnasium)

 

Wer Deutsch in G8 unterrichtet, weiß Bescheid: Laut Lehrplan sind nur 50 Prozent der Jahres-Wochenstunden für verbindliche Stoffe vorgesehen – in der Realität sind’s meistens 90.

Kein Wunder, denn die Lehrplanmacher/innen (– ich gebe zu, einer von ihnen zu sein –) waren unabdingbar auf diese Zeitvorgabe verpflichtet worden und wussten doch zugleich, was bis zum Abitur gekonnt sein soll. Gewöhnlich nennt man so etwas Quadratur des Kreises, aus der man sich rettet mit dem trickreichen Hinweis, der Rest der zur Verfügung stehenden Stunden solle möglichst zur Vertiefung der verbindlichen Stoffe genutzt werden ...

Was hat das mit Literatur und Sprache der Region, was mit saarländischen Themen im Deutschunterricht zu tun? Nichts und alles. Denn, so wird man rasch fragen, wo soll unter diesen Umständen der Freiraum für derlei nahe und exotische Themen zugleich herkommen?

Ich wage zu behaupten: Es gibt da ein paar Chancen.

 

Vorschlag 1:  Der Lehrplan sieht für Klassenstufe 8 und/oder 9 Kurzgeschichten bzw. epische Texte vor: Unter dem Leitthema „Lebensleistung und Leistungszwang“ lassen sich Bölls  „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ und Brechts „Unwürdige Greisin“ mit der weitaus weniger bekannten Geschichte Johannes Kirschwengs „Das Haus* in Vergleich setzen und die verschiedenen Lebensstile diskutieren: Verweigerung sozialer Rollen- und Normvorstellungen, Ablehnung des Dienstes an der Nachkommenschaft bei Brecht – bewusstes Aufopfern für das Lebensziel Haus, das für Kinder und Kindeskinder als Wohnstatt gedacht ist, bei Kirschweng. Schließlich als dritter Bezugstext: Bölls Absage an Fetische der Wohlstands- und Karrieregesellschaft und damit zugleich auch ein Text, der historische Wandlungen deutlich macht.

 

Vorschlag 2a: Unter „Reflexion über Sprache“ verzeichnet der Lehrplan zu Klassenstufe 9 das Thema Dialekt. Starten Sie doch mal im Rahmen der Sequenz unter den Schüler/inne/n eine kleine anonyme Umfrage zur Verwendung des Dialekts im eigenen Umfeld: Wer spricht wann und warum Dialekt, wer wann warum nicht? Man kann dann herausarbeiten, dass Dialekt und Hochsprache nicht als wertende Begriffe einander gegenübergestellt werden sollten, sondern eher als funktionale: Mundart verstärkt oder bestätigt ein gewisses Sich-Heimisch-Fühlen; der gemeinsame Gebrauch dient unter Umständen dazu, Distanz und Schranken abzubauen, kurz: Dialekt ist die Sprache der sozialen Nähe. Hochsprache dient aufgrund ihrer Allgemeinverbindlichkeit für den überregionalen Gedanken- und Informationsaustausch und für alle offiziellen Mitteilungen.

2b: Ausgehend von diesen ersten Ergebnissen kann man einen Schritt weiter zu der Frage „Dialekt als Literatursprache“ gehen. Präsentieren Sie Ihren Schülern qualitativ höherwertige Mundartgedichte (Beispiele:  Heinrich Kraus: „Kriesch, Alfred Gulden: „De Grenz“, Die Grenze“, Nikolaus Fox, „Mondnaat“, Leo Griebler: „Et Fre.ihjohr gäht...“, Armin Sinnwell: „Et zwäet Gesicht“,  Maria Becker-Meisberger: „Maibach“, Maybach“, Eugen Motsch: „Von de Schul“*) und regen Sie von da aus das Schreiben eigener Mundartverse an. Anknüpfungspunkt kann ein hochsprachliches Gedicht sein – in der Karnevalszeit etwa Kästners satirischer „Karneval der Missvergnügten“, verbunden mit dem Auftrag, eine saarländische Fassung herzustellen. (Allein die Frage, wie der Titel umzuschreiben sei, kann schon interessanteste Ergebnisse erbringen!)

 

Vorschlag 3: Klasse 10 soll sich laut Lehrplan – in bescheidenem Umfang von 5 Pflichtstunden – mit Sprachgeschichte beschäftigen. Hängen Sie noch ein paar Stunden dran und zeigen Sie anhand von Zeilen aus dem Hildebrandslied oder mittelhochdeutscher Verse die Nähe zu heute noch existierenden Dialekten auf (allein die Zeile „Ik gihorta dat seggen“ bietet schon hinlänglich Material) und schlagen Sie dann den Bogen zum „Saarländischen“; machen Sie klar

... dass es den saarländischen Dialekt nicht gibt (Mosel-, Saarfränkisch als Minimaldifferenz)

... dass der Dialekt eine Erscheinung mit geschichtlicher Tradition ist. Sie ist im Alltagsgebrauch - als gesprochenes Wort - älter als eine gemeinsame verbindliche Hochsprache.

 

Ach ja, und die Unterstufe? Da böte sich Vorschlag 4 an: Es gibt von Friedrich Schön das nette ältere Gedicht „Die Chaussee* (Nomen mit saarländischer Betonung auf der ersten Silbe zu lesen!), das sich in lustiv-naiver Landschaftsbeschreibung an Kinderverse anlehnt und Fünftklässlern Spaß machen dürfte. Man kann nach dem Muster des Textes andere humoristisch gereimte  Milieuschilderungen erproben („E Stròòß“, „De Zoo“ usw.) und einen kleinen Wettbewerb im Gedichteschreiben veranstalten.

 

 

Ein Teil dieser Ideen steht schon irgendwo, nämlich im Band 24 der LPM-Schriftenreihe „Saarländische Beiträge zur pädagogischen Praxis“, erschienen 1995. Günter Scholdt und ich haben dort unter dem Titel „Saarländische Autoren – saarländische Themen“ eine Reihe von Vorschlägen gemacht und die zur Kopie freigegebenen literarischen Texte mitabgedruckt (* unter anderem auch die in den Vorschlägen 1, 2 und 4 genannten Titel). Circa 2000 Hefte wurden insgesamt an saarländische Schulen verteilt. Es steht zu hoffen, dass sie noch immer in den entsprechenden Bibliotheken eingestellt sind – wenn nicht, liebe Kolleginnen und Kollegen, fragen Sie doch mal nach, z.B. bei Schulleitung oder didaktischen Leiter/innen...  Oder schauen Sie in der Bibliothek des LPM vorbei (Signatur:12705 Pgs SCH). Man braucht ja das Rad nicht zweimal zu erfinden.

 

Dirk Walter



Last update:  21:03 28/12 2006